Kolumne von Frank Fischer, CEO & CIO der Shareholder Value Management AG | 15. Juni 2020 | www.shareholdervalue.de

Fed-Chef Jerome Powell hat die Märkte wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. Waren DAX, Dow Jones und vor allem die Nasdaq fast schon wieder heiß gelaufen, warnte Powell davor, dass die Corona-Krise wohl noch eine ganze Weile anhalten und die amerikanische Wirtschaft noch lange belasten werde. Er erwartet außerdem, dass die Jobverluste vieler Amerikaner wohl von Dauer sein werden. Entsprechend reagierten die Börsen mit zum Teil erheblichen Kursverlusten.

Dass die US-Wirtschaft noch sehr weit von ihrer früheren Stärke entfernt ist, deckt sich auch mit unserer Einschätzung. Denn was die Wirtschaftsleistung angeht, so hat die europäische Union zwar seit dem Hoch vor der Krise gut 50 Prozent verloren, aber in den vergangenen Wochen hat sich die Situation nicht nur stabilisiert, sondern sogar schon wieder leicht verbessert. Derzeit sind wir bei rund 49 Prozent des Vorjahresniveaus. Das ist nicht gut, und von einer Normalität kann nicht die Rede sein, aber der Weg zeigt langsam wieder nach oben.

Europa ist bei der Wirtschaftsleistung gegenüber den USA im Vorteil

Ganz anders in den USA. Dort beträgt die aktuelle Wirtschaftsleistung verglichen mit dem Vorjahr nur noch 35 Prozent. Dagegen sieht Europa richtig gut aus. Und was noch hinkommt: In 22 US-Staaten steigen die Corona-Fallzahlen weiterhin an. Dies gilt vor allem für die Südstaaten.

Vor allem die europäische Fiskalpolitik ist in diesem Zusammenhang zu loben. Die EZB hat ihr PEPP-Programm auf 1,3 Billionen Euro aufgestockt, um Anleihen von Staaten und Unternehmen zu kaufen. Das ist eine sehr hohe Summe. Hier wurde also die vielbeschriebene Bazooka geladen und ein echtes Hilfspaket aufgelegt, das bis Juni 2021 ausgeweitet wurde. Darüber hinaus hat die EZB den Banken unter die Arme gegriffen, da viele Regularien gelockert wurden, die den europäischen Geldhäusern mehr Flexibilität bei der Kreditvergabe einräumt. Wenn man dann noch die Hilfsprogramme der einzelnen Länder im Gesamtvolumen von rund 2,19 Billionen Euro hinzurechnet muss man sagen: Die EU hat in der Krise wirklich geliefert.

Das soll aber nicht heißen, dass alle Probleme gelöst sind. Es gibt noch einige Unwägbarkeiten für Europa, ganz ohne Frage. Aber wenn wir Glück haben, dann rückt die direkte Corona-Bedrohung vielleicht wieder etwas in den Hintergrund. Die „neue Normalität“ wird wohl auch weiterhin mit Einschränkungen verbunden sein, aber die erste Welle scheint überstanden.

Hoffnungsschimmer in den USA

Doch auch in den USA gibt es Hoffnungsschimmer. Wie sagte doch Warren Buffett auf der letzten Hauptversammlung von Berkshire Hathaway: „Wetten Sie niemals gegen Amerika!“. Das zeigt auch das NFIB-Stimmungsbarometer für US-amerikanische Kleinunternehmen. Denn dieser ist zuletzt merklich stärker angestiegen als erwartet. Gegenüber dem Vormonat erwarten nun mehr Firmen eine Verbesserung ihrer Geschäftslage in den kommenden sechs Monaten und auch der Anteil an Unternehmen, die Investitionen vorzunehmen und Mitarbeiter einzustellen wollen, ist gestiegen. Dies sind gute Nachrichten, da Kleinunternehmen 99 Prozent aller Firmen der USA ausmachen und rund die Hälfte aller Arbeitnehmer beschäftigen. 

Entsprechend haben wir auch das Portfolio unseres „Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen“ ausgerichtet. Wir sind zwar nicht in US-Kleinunternehmen investiert, wohl aber in Tech-Werte wie Microsoft, Facebook und Amazon. Dazu halten wir auch zahlreiche europäische Aktien, wie die deutsche Sicherheitsfirma secunet Securities, die schwedische Technologiehandelsgruppe Addtech, und nicht zu vergessen die Immunodiagnostic Systems, deren Aktie vergangenen Freitag um über 50 Prozent zulegte, nachdem bekannt wurde,  dass ihr Coronavirus-Antikörpertest eine sogenannte CE-Kennzeichnung erhalten hat und Ende Juni zum Verkauf angeboten wird.

Unter dem Strich kann man also sagen: Wir bleiben vorsichtig, blicken aber zuversichtlich in die Zukunft. Und bei aller angebrachter Vorsicht sollte auch ein Schuss Optimismus nicht fehlen.