Kolumne von Frank Fischer, CEO & CIO der Shareholder Value Management AG | 24. Juni 2020 | www.shareholdervalue.de

Der Fall Wirecard treibt immer neue Blüten. Zunächst waren da die Vorwürfe in der „Financial Times“, die ihrerseits daraufhin von Wirecard verklagt wurde. Dann schloss sich die wiederholte Verschiebung der Vorlage der Geschäftszahlen für 2019 an, die dann überhaupt nicht mehr kamen. Schließlich folgt das Eingeständnis der neuen Führung, wonach es mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ die bei einer philippinischen Bank hinterlegten 1,9 Milliarden Euro gar nicht gibt. Und zuletzt die vorläufige Festnahme von Ex-CEO und Hauptaktionär Markus Braun, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen von Wirecard „durch vorgetäuschte Einnahmen aus Geschäften“ mit sogenannten Third-Party-Acquirern (TPA) aufgebläht zu haben, um so das Unternehmen „finanzkräftiger und für Investoren und Kunden attraktiver darzustellen“. Aktuell löst der Skandal großes Entsetzen aus. Es steht die Frage nach der Verantwortung der Börsenaufsicht im Raum? Der BaFin wird jetzt vorgeworfen, dass sie, statt den Vorwürfen der „FT“ nachzugehen, neue Leerverkäufe der Wirecard-Aktie verboten habe. Und statt das Unternehmen einer Sonderprüfung zu unterziehen, habe man sich mit dem Testat von KPMG zufriedengegeben. Dass BaFin-Chef Felix Hufeld von einem „kompletten Desaster“ spricht, hilft da nur wenig. Aber: Warum werden all diese Vorwürfe erst jetzt erhoben? Und: Warum haben Anleger ihr Geld nicht schon vorher aus der Aktie gezogen, wo doch die immer wieder aufkommenden Zweifel am Geschäftsmodell und der Unternehmensführung schon seit langem bekannt sind?

Das „G“ von ESG setzte Wirecard auf die „Rote Liste“

Für uns kam ein Engagement bei Wirecard schon lange nicht in Betracht. Denn das „G“ von ESG, das Thema Governance, hat uns davon abgehalten. Zu dem Zeitpunkt, als die „Financial Times“ erstmals Vorwürfe gegen das Management von Wirecard erhob, schrillten die Alarmglocken. Denn mögliche Unregelmäßigkeiten in der Bilanzlegung setzten Wirecard bei uns quasi automatisch auf die hausinterne „Rote Liste“. Schon damals stand das Unternehmen im Verdacht, seine Bilanzen zu frisieren, Deals zu schönen und Geschäftspartner zu täuschen. Dass jetzt die rund 1,9 Milliarden Euro verschwunden sind, ist nur das Tüpfelchen auf dem „i“. Wirecard entsprach schon damals nicht unseren Qualitätsansprüchen. Dass darüber hinaus, wie schon bei VW, auch bei Wirecard dem Anschein nach alle Kontrollen versagt haben – vom Aufsichtsrat über die Rechnungsprüfer bis hin zur Finanzaufsicht – steht auf einem anderen Blatt.

Wirecard zeigt die Schwäche von ETFs gegenüber aktivem Stock-Picking

Am Beispiel Wirecard wird auch einmal mehr die Bedeutung einer bewussten und gezielten Auswahl der Unternehmen, das Stock-Picking, deutlich. Während Anleger, die in einen DAX-ETF investiert haben, die gesamten Verluste der Wirecard-Aktien unweigerlich mitmachen mussten, konnten aktive Asset Manager schnell auf die Vorkommnisse rund um den Zahlungsdienstleister reagieren. Denn indexreplizierende EFTs bilden ihren Referenzwert genau ab – und solange Wirecard noch im DAX ist, macht man als Anleger den ganzen Niedergang des Unternehmens und der Aktie zwingend mit. Der Verlust betrug vom Hoch bei knapp 200 Euro zeitweise über 90 Prozent.

Wir dagegen setzen beim „Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen“ konsequent auf das Prinzip des Business Owners. Ganz im Sinne von Warren Buffett fragen wir uns bei jedem Engagement: „Fühlen wir uns als Miteigentümer in diesem Unternehmen wohl?“ Und diese Frage wurde nach den Vorwürfen der „Financial Times“ eindeutig mit „nein“ beantwortet. Wir sind Investoren, die ihre Portfolio-Unternehmen langfristig begleiten. Ein schneller Zocker-Euro gehört eben nicht dazu.